Steuern, Recht und Markt
NEWS: Spanien verdrängt die Krise
Spanien steckt in einer schwierigen Lage. Doch Politik und Gewerkschaften scheinen den Ernst der Situation noch nicht wirklich erkannt zu haben.
17.05.10
Gerardo Díaz Ferrán hat mehrere Unternehmen, darunter die spanische Airline Air Comet, vor die Wand gefahren. Aus der Firmenkasse seiner Reisegesellschaft Viajes Marsans entnahm er 238 Millionen Euro. Wohin das Geld geflossen ist, weiß niemand. Der deutschen Fondsgesellschaft Union Investment schuldet Marsans vier Millionen Euro Miete und seinen 3500 Mitarbeitern das Gehalt der vergangenen zwei Monate. In jedem anderen demokratischen Land stünde er unter Betrugsverdacht. Nicht jedoch in Spanien: Der 67-Jährige ist sogar Chef des spanischen Arbeitgeberverbandes CEOE. Wirtschaftsministerin Elena Salgado hält dem Unternehmer ebenfalls weiter die Stange.
Der Fall Díaz Ferrán ist beispielhaft für die aktuelle Situation des Landes. "Politik und Wirtschaft sind zerfressen von Korruption. Der Madrider Finanz- und Unternehmensberater Carlos Alaiz glaubt, dass die Krise viel tiefer geht als nur wirtschaftlich: "Viele Spanier haben das Vertrauen in ihr Land verloren. Wir sind orientierungslos."
Noch ist Spanien nicht Griechenland, aber die Probleme des Landes sind erheblich: Die Neuverschuldung des unter dem konservativen Premier José María Aznar im Jahr 2000 noch als Musterland gelobten Staates liegt derzeit bei rund zwölf Prozent des Bruttoinlandsproduktes und ist damit ähnlich hoch wie in Griechenland. Zuletzt wurde auch die Kreditwürdigkeit von der Ratingagentur Standard & Poor's herabgestuft. Die Wirtschaft liegt am Boden und die Arbeitslosigkeit ist auf über 20 Prozent gestiegen. "Aus der Rezession werden wir auch in diesem Jahr nicht rauskommen, weil die großen Parteien nicht an einem Strang ziehen", fürchtet Rafael Pampillón, Volkswirt an der Madrider IE Business School. Eine Ursache liegt für ihn in der Vetternwirtschaft: "In Spanien gibt es auch nach zehn Jahren Wirtschaftswachstum wenig Innovation, dafür viel Bestechung."
Von den Schwierigkeiten sind auch viele deutsche Investoren betroffen, die in den abstürzenden Immobilienmarkt investiert haben. Seit 2007 fallen die Preise für die völlig überwerteten Wohnungen und Häuser, an der Küste stehen Tausende von Appartements leer. Viele deutsche Familien werden ihre Ferienwohnungen in Krisenzeiten nicht mehr los. "Dieses Jahr wird angesichts der großen Immobilienbestände der Banken noch sehr schwierig. Irgendwie scheinen viele spanische Unternehmer und auch die Regierung jedoch die Dramatik der Situation noch nicht verstanden zu haben", glaubt der deutsch-spanische Strategieberater Luis Weickgenannt.
Ein großes Problem in der Krisenbewältigung stellt auch die spanische Justiz dar, was der Fall Garzón deutlich macht. "Sie ist überladen mit Bürokratie und total politisiert", sagt der Rechtsanwalt Tim Wirth. Der Korruptions-Fall Palma-Arena, ein riesiges Stadium auf Mallorca, sei sinnbildlich dafür. Die Arena hat mehr als doppelt soviel gekostet wie ursprünglich veranschlagt. Der involvierte deutsche Architekt Ralph Schürmann beklagte von Anfang an die schlechte Bauqualität und die hohen Kosten.
Er stieg aus dem Projekt aus. Jetzt besteht der Verdacht, dass ein Teil des Geldes in die Taschen des Ex-Regierungschef der Balearen, Jaume Matas, geflossen ist. Korruption gibt es überall, aber dass Matas durch die Zahlung von einer Kaution von drei Millionen Euro die Untersuchungshaft umgehen konnte, und als Sicherheit für den Bankkredit der Banco de Valencia Immobilienobjekte dienen, die Teil des Verfahrens sind, scheint mehr als absurd. Aber wenn man die aktuelle Realität Spaniens kennt, dann wundert der Kontext nicht mehr: Der Chef der Banco de Valencia, Domingo Parra, ist ein dicker Freund von Matas.
Weitere Informationen und den ausführlichen Artikel unter:
http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-05/spanien-krise?page=1
Stefanie Claudia Müller, Die Zeit Online
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